Reden wir mal Tacheles: In der Schweiz gibt es seit 2003 pro Jahr um die 200 bis 250 Schusswaffentote, je nach dem, welche Quelle man befragt und welches Jahr man interpretiert. Das sind etwa gleich viele, wie im Strassenverkehr. In den Jahren zuvor waren es rund 100 bis 150 mehr. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, ein Schicksal und ein zutiefst beklagenswerter Verlust, keine Frage. In diesem Beitrag soll es aber um die Verhältnismässigkeit bei der Einschränkung von den Rechten der einen zum Schutze der anderen gehen.

In der Schweiz werden pro Jahr von Schütz/-innen um die 4 Millionen Schuss verfeuert, wenn man einmal den Munitionsbedarf vom Feldschiessen und vom Obligatorischen und einige Kennzahlen von Schiessanlagenbetreibern extrapoliert. Es mögen auch 5 Millionen sein. Oder mehr. Sicher nicht weniger. Jedenfalls zig Millionen von privat abgefeuerten Patronen.

Das Verhältnis von Selbsttötungen zu den Schusswaffentoten insgesamt ist seit 1995 auf sehr hohem Niveau plusminus konstant. 2013 etwa waren von etwa 250 Todesfällen allein rund 220 Suizide zu bedauern. Im Spitzenjahr 1995 waren es 413 Suizide bei insgesamt 466 Schusswaffentoten. Ja, das ist grauenhaft. Niemand sollte sich hier in der Schweiz oder sonstwo umbringen wollen, Schusswaffengegner und -befürworter werden sich in diesem Punkt einmal einig sein.

Der Bedüfnisnachweis rettet keine Leben!

In dem noch nicht im Rat behandelten Vorstoss Nr. 16.464 vom 26. September 2016 von Frau Nationalrätin Chantal Galladé und 20 Mitunterzeichnenden wird nachdrücklich ein «Bedürfnisnachweis für den Waffenbesitz» verlangt. Denn «die Schweiz [konnte] die Zahl der Schusswaffentoten [dank der Verschärfungen der letzten Jahre] schrittweise mehr als halbieren» und «wer den Missbrauch von Waffen eindämmt, rettet Menschenleben», so steht es in der Begründung.

Wir haben nichts gegen das Retten von Menschenleben, ganz im Gegenteil. Die Frage ist nur, ob durch die angestrebten Massnahmen wirklich der MISS-brauch und nicht einfach generell der GE-brauch von Schusswaffen eingedämmt werden soll. Das ist ein grosser Unterschied. Denn im einen Fall treffen die Massnahmen gezielt die Verbrecher, im andern Fall aber auch gleich alle gesetzestreuen Schütz/-innen in unserem Land. Das wäre dann inakzeptabel. Denn Waffenbesitzer/-innen unter den Generalverdacht zu stellen, mit ihren Waffen auch Verbrechen begehen zu wollen wäre, wie wenn man alle Autofahrer generell verdächtigte, gefährliche Raser zu sein. Das geht in einer liberalen Gesellschaft einfach nicht. Egal was für ein Auto man besitzt oder wie viele oder was für einen Fahrstil man pflegt. So lange man sich ans Gesetz hält, ist man unschuldig. Das gilt bei Autos und auch bei Waffen.

Verhältnismässigkeit mal Vernunft gleich Lösung

In den letzten Jahren sind die (nicht-assistierten) Suizidfälle insgesamt zurückgegangen, Spitzenzeiten lagen in den 1980ern, nachvollziehbar also, dass auch die Selbstmorde mit Schusswaffen automatisch sinken. Die anderen Todesfälle durch Schusswaffen, so um die 20 in den letzten Jahren, blieben ziemlich konstant. Wie viele davon durch Legalwaffen provoziert wurden, liess sich auf die Schnelle leider nicht herausfinden. Wir schätzen mal: Sehr wenige. Bei so wenigen Fallzahlen sollte man keine Hochrechnungen oder Mutmassungen anstellen, das wird jeder Statistiker bestätigen. Etwa 20 fremdverschuldete Schusswaffentote, bei vielleicht 5 Millionen abefeuerten Patronen pro Jahr, bei einem Waffenbestand von etwa 1 bis 3.5 Millionen Stück in Privathaushalten (je nach Schätzung) und knapp 150’000 registrierten Sportschützen: Das ist nun wirklich kein ein Anlass für einen Generalverdacht gegenüber Legalwaffenbesitzer/-innen.

Man fragt sich nun unweigerlich, was nun eigentlich der von der EU und Nationalrätin Galladé geforderte Bedürfnisnachweis in Bezug auf Schusswaffentote oder allgemeiner Sicherheit in unserem Land bringen soll. Selbstmorde werden damit kaum messbar reduziert. Es mag ja sein, dass viele Suizide in einer Art Affekthandlung und damit oft mit Schusswaffen geschehen, aber nochmals: Was hat ein Bedürfnisnachweis damit zu tun? Die Anzahl anderer Schusswaffenopfer lässt sich in unserer Gesellschaft wohl kaum weiter verringern, 20 pro Jahr sind schon sehr wenig. Doppelt sei unterstrichen: man soll die Zahl nicht herunterspielen, ohne die Einzelschicksale vor Augen zu haben. Aber in jeder Gesellschaft lebt auch das Böse und es wird bleiben. Ob mit oder ohne Schusswaffen.

Kriminelle haben nur ein Bedürfnis – werden es aber niemals anmelden! Legale haben dutzende Bedürfnisse, wollen sie aber nicht anmelden müssen.

Uns fällt nur ein Grund für den gebetsmühlenartig verlangten Bedürfnisnachweis ein: Nämlich Legalwaffenbesitzer/-innen auf Zeit zermürben zu wollen. Solange, bis sie einfach keine Lust mehr haben, Waffen zu besitzen. Man versucht uns das Leben mit unserer Leidenschaft immer noch ein bisschen schwerer zu machen, schleichend, bis uns die Last zu gross ist. Einfach, weil Gegner zu feige (oder zu weise) sind, den einen Satz laut zu sagen: «Ich will alle Waffen in Privatbesitz verbieten!»

Der Bedürfnisnachweis gilt notabene nicht für kriminelle Subjekte. Niemand gibt als Bedürfniserklärung an, jemanden umbringen zu wollen. Er gilt explizit für unbescholtene, verdiente und engagierte Personen wie den Schreibenden und viele der Lesenden. In der Vorstellung von Schusswaffengegnern könnten durch das Nichtvorhandensein der rund 1 bis 3.5 Millionen Legalwaffen in der Schweiz rund 20 nicht selbst indizierte Todesfälle verhindert werden. Es ist auch arrogant zu behaupten, Suizide zu verhindern, in dem man ein Werkzeug verbietet – das wird der traurigen Tragweite eines solch verheerenden Entschlusses einfach nicht ansatzweise gerecht. Somit bleibt ein Bedürfnisnachweis nichts als Verhältnisblödsinn. Vor allem, wenn man den bürokratischen Akt hinter derartigem Vorhaben betrachtet, den der Steuerzahlende mitzuberappen hat. Denn wer kommandieren will muss auch kontrollieren. Aber scharf betrachtet geht es bei all dem nicht um Zahlen, nicht um Aufwand und Ertrag, nicht um Soll und Haben, hier geht es nicht um eine Bilanz.

Es geht um das Gefühl von Sicherheit

Es geht um ganz unterschiedliche Gefühle von Sicherheit und dieses Gefühl ist nun einmal spätestens seit Abraham Maslow als äusserst wichtig bekannt. Waffengegner fühlen sich sicher, wenn es keine Waffen mehr in Privathand gibt und das Waffenmonopol beim Staat allein liegt, alternativ wird gar eine Welt ohne Waffen idealisiert. Befürworter eines liberalen Waffenrechts fühlen sich sicher, wenn der private Waffenbesitz in vernünftigem Masse dem staatlichen gegenübersteht beziehungsweise diesen substanziell ergänzt. Diese Gefühle sind sich diametral entgegengesetzt.

Wessen Gefühl von Sicherheit das bessere ist, wird sich erst zeigen, wenn man als einzelner oder wir als Gemeinschaft an Leib und Leben bedroht sind und unsere Sicherheitssysteme – warum auch immer – zu versagen drohen. Ob das je eintreffen wird? Wir wissen es nicht. Aber für die meisten Waffenbefürworter gilt das Credo von Lee Child’s Romanheld Jack Reacher: «Immer auf das Beste hoffen, aber auf das Schlechteste vorbereitet sein.»

Quellen
http://www.srf.ch/news/schweiz/sterbehilfe-trieb-suizidzahlen-kuenstlich-in-die-hoehe
https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20160464
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/306917/umfrage/todesfaelle-aufgrund-von-schusswaffen-in-der-schweiz/
http://www.gunpolicy.org/firearms/region/switzerland
https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bedürfnishierarchie