Ein Kommentar zum gestrigen Club auf SRF von Patrick Jauch Unsere schlimmsten Befürchtungen nach der Vorankündigung zur Sendung «Club» mit dem Titel «Hände hoch – die Schweizer rüsten auf!» haben sich grösstenteils nicht bestätigt und dennoch kam alles, wie es kommen musste. Natürlich wurde der Club mit Einspielern aus dem, knapp eine Woche zuvor gezeigten und in unserer Szene höchst umstrittenen DOK «Schütze sich wer kann – Mit Waffen gegen die Angst», angereichert (oder befeuert).

Ich stelle zwei grundsätzliche Tendenzen fest, die mir Sorge bereiten. Erstens fokussieren beide ausgestrahlten Formate das Thema «Selbstschutz». Zweitens wird kaum auf die für uns relevante Thematik der geplanten Übernahme der Verschärfungen aus der so genannten EU-Feuerwaffenrichtlinie eingegangen. Warum mir das Sorgen macht? Das Thema «Selbstschutz aus Angst» ist ein Gassenhauer. Menschen, die sich Schusswaffen zum Selbstschutz für Hof und Heim kaufen, werden meistens nach den ersten zwei Schiessstandbesuchen bitter enttäuscht. Denn sie merken, dass es – etwa mit einer Pistole – schon recht schwierig ist auf Distanzen von 10 Metern unbewegliche Ziele zu treffen. Sie verstehen meist unmittelbar, dass es jahrelanges Training braucht, um schnell, präzise und unter körperlichem oder mentalem Druck eine Waffe in einer Bedrohungssituation zu beherrschen. Ohne Gehörschutz, gar in der Nacht, vielleicht ohne Brille, zittrig vom hohen Adrenalinspiegel. Jede und jeder, der einmal an einem Feldschiessen oder einem anderen Schiesswettbewerb mitgemacht hat weiss, wie sich Nervosität auf die Hände überträgt. Nicht wenige von diesen «Selbstschützer/-innen» landen aber nach einer solchen Erfahrung, etwa während eines Schiesskurses, plötzlich in Schiessvereinen, werden Sportschütz/-innen und vergessen nach und nach, wozu die Waffe ursprünglich eigentlich angeschafft wurde. Nicht selten kaufen sie, basierend auf ihren Erfahrungen im Schiesstand, dann weitere Waffenmodelle, mit denen sie präzisier schiessen wollen.

«Würde man hinsehen, würde man erkennen, dass in Brüssel und anderswo während vieler Monate, in einem Aktionismus sondergleichen, mit Millionen von Steuergeldern an Verschärfungen gearbeitet wurde, um der Öffentlichkeit den Eindruck von Hilflosigkeit zu widerlegen. Nur eben: Getroffen werden damit andere. Zum Beispiel ich.»

Die Problematik rund um die Verschärfung der Feuerwaffenrichtlinie wurde in beiden TV-Sendungen nur am Rande gestreift. Das ist schade, denn nur darum geht es uns Legalwaffenbesitzenden in der Schweiz aktuell. Welche der meist komplett absurden Forderungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung wird die Schweiz übernehmen? Wollen? Oder müssen? Es geht in unseren aktuellen Anliegen nicht darum, ob es sinnvoll wäre, eine Ausbildungspflicht für Schütz/-innen einzuführen. Es geht darum, dass uns das Ausland unsinnige Auflagen diktieren will, die wir selbst zu regeln im Stande sind. Das müsste im Zentrum der Berichterstattungen stehen. Man würde aufdecken, dass keine der Verschärfungen verhältnismässig ist oder gar überhaupt durchsetzbar. Man würde analysieren, dass damit keine Terroranschläge verhindert werden, der Waffenschmuggel nicht eingedämmt wird – selbst die viel zitierten Suizide könnte man mit ihnen nicht reduzieren, die Opfer von Gewaltverbrechen ebenfalls nicht. Man würde erkennen, dass in Brüssel und anderswo während vieler Monate, in einem Aktionismus sondergleichen, mit Millionen von Steuergeldern an Verschärfungen gearbeitet wurde, um «der Öffentlichkeit» den Eindruck von Hilflosigkeit zu widerlegen. Nur eben: Getroffen werden damit andere. Zum Beispiel ich.

Bezüglich Aktionismus in Brüssel war sich die Runde im gestrigen Club mehrheitlich glücklicherweise einig, so hatte man am Schluss wenigstens den Eindruck. Auf eine klare Forderung zur Zurückweisung der EU-Vorstellungen wollte sich aber natürlich niemand festlegen, das wäre aber auch viel verlangt gewesen. Werner Salzmann und Markus Melzl haben unsere Anliegen nachdrücklich und nach meiner Einschätzung charmant und mehrheitsfähig vertreten. Dafür gebührt ihnen Dank.

«Die schier unvorstellbare Tragik, die durch Gewaltverbrechen und Suizide entsteht, will ich nicht herabspielen – vielleicht habe ich sogar ein besseres Gefühl dafür als so manch anderer. Aber es dürfen nicht hundertausende pauschal dafür verantwortlich gemacht werden.»

Ich werde in Diskussionen manchmal darauf festgelegt, ich würde mit meiner Argumentation der Opfertragik nicht gerecht, wenn ich darauf poche, dass Gesetze oder Gesetzesverschärfungen evidenzbasiert geschehen sollen. Also rational nachvollziehbar und sich auf Beweisen oder mindestens glaubwürdigen Indizien abstützend. Die schier unvorstellbare Tragik, die durch Gewaltverbrechen und Suizide entsteht, will ich nicht herabspielen – vielleicht habe ich sogar ein besseres Gefühl dafür als so manch anderer. Aber es dürfen nicht all jene pauschal dafür verantwortlich gemacht werden, die in ihrer Freizeit schiessen, jagen oder Waffen sammeln, nur weil sie als registrierte Gruppe eben gerade verfügbar sind.

Ich kritisiere auch, dass die Reduktion des sehr schwierigen Themas der Selbsttötung in diesen Diskussionen immer und immer wieder auf die Schusswaffe bzw. auf den reinen Affekt reduziert wird. Das wird der kaum zu überbietenden Tragik und den individuellen Geschichten hinter einem Suizid einfach nicht gerecht. Mich macht es sehr betroffen, wenn Menschen behaupten, das Vorhandensein einer Waffe verführe zum oder fördere den Selbstmord. Der Selbsterhaltungstrieb des Menschen ist unglaublich mächtig. Wer am Punkt ist, den Abzug zu ziehen, sich zu erhängen, sich in die Tiefe zu stürzen, vor den Zug zu legen oder sich die Pulsadern aufzuschneiden, hat einen ganz schwierigen Leidensweg hinter sich und der ist wohl in ganz wenigen Fällen nur Minuten alt. Wer ernsthaft und nachhaltig Selbsttötungen in der Schweiz minimieren möchte, der sollte nicht bei Schusswaffen ansetzen, nur weil es im ersten Moment einfach scheint.

Ich habe es an anderer Stelle schon oft geschrieben und gesagt: Nicht jede und jeder, der eine Legalwaffe in der Schweiz besitzt, sollte auch wirklich eine haben (dürfen), da werden viele Waffenbesitzende mit mir einig sein, aber wir haben aktuell Gesetze, die das regeln. Es sollte auch nicht jeder ein Fussballfan sein. Oder ein Autofahrer. Oder ein Demonstrant am 1. Mai. Und nicht jeder sollte im Ausgang Alkohol konsumieren. Die eben erschienene Polizeiliche Kriminalstatistik PKS 2016 zeigt, dass körperliche Gewalt und die Gewalt mit Messern viel häufiger vorkommt als die Gewalt mit Schusswaffen und ebenso tödlich ist. Ich persönlich habe im öffentlichen Raum viel mehr Angst vor einer Pöbelei, die sich in einer plötzlichen Schlägerei entlädt als vor einer Schiesserei und dieses Gefühl lässt sich auch durch die Zahlen belegen. Ein einziger Schlag an den Kopf in einem Faustkampf könnte für mich tödlich enden. Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand eine Schusswaffe auf mich richtet?

«Würde man die Aufwände, die durch eine bürokratische Verschärfung des Schweizer Waffengesetzes entstehen, in unsere Polizei-, Grenzwach- und Armeekorps investieren, würde ein viel höherer Sicherheitsgewinn erreicht, als bei der millionenteuren Gängelung von Freizeit- und Sportschützen.»

Die Frage wäre nun, wie identifiziert man Legalwaffenbesitzer/-innen auf ihr Gefährdungspotenzial hin? Oder Fussballfans auf ihre Gewaltbereitschaft? Autofahrer auf ihren Hang zum Rasen? Demonstranten auf ihre Friedfertigkeit? Würde die EU-Feuerwaffenrichtlinie hierzu konstruktive Beiträge leisten, müssten wir nicht so vehement dagegen protestieren. Aber nein, sie möchte Scheinsicherheit durch die Beschränkung von Magazinkapazitäten, fordert unsinnige Bedürfnisnachweise für den Waffen- und Munitionserwerb, einen Vereins- und Wettbewerbszwang für Freizeitschützen ohne entsprechende Infrastruktur zu berücksichtigen, ein Überwachungssystem basierend auf nicht spezifizierten medizinisch-psychologischen Erkenntnissen, ein Verbot gewisser kurzer Halbautomaten, von denen es in der Schweiz abertausende gibt – alles Forderungen, die bei einem Laien ein Kopfnicken auslösen könnten, Politiker/-innen wissen, wie man so etwas hinkriegt. In der Praxis aber sind diese nicht oder nur mit immensem Aufwand und Kosten umzusetzen – ohne Beleg dafür, dass sie etwas bringen, um die Welt oder auch nur die Schweiz sicherer zu machen. Alle Forderungen haben keinen Blick auf die Verhältnismässigkeit. Und die ist mir persönlich wichtig, wenn es um die Einschränkung von persönlichen Bürgerrechten in einem Staat geht. Würde man die Aufwände, die durch eine bürokratische Verschärfung des Schweizer Waffengesetzes entstehen, in unsere Polizei-, Grenzwach- und Armeekorps investieren, würde ein viel höherer Sicherheitsgewinn erreicht, als bei der millionenteuren Gängelung von Freizeit- und Sportschützen.

«Ja, es gibt böse Menschen mit Waffen in der Schweiz. Es gibt aber auch ganz, ganz viele gute Menschen mit Waffen in der Schweiz. Ich zähle mich dazu. Und ich wäge mich in einer erdrückenden Mehrheit.»

Im gestrigen Club auf SRF 1 wurde in der einen Stunde vieles gestreift. Aber meiner, zugegebenermassen voreingenommenen Meinung nach, wurde nur etwas vertieft: Schusswaffen sind böse, von der Armbrust bis zum «Maschinengewehr», ergo: Menschen mit Schusswaffen sind böse, mindestens irgendwie gefährlich seltsam. Bei allem Respekt gegenüber der Arbeit unserer Nationalrätinnen und Nationalräte, aber wie tragbar ein Mitglied der SIK Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates ist, das sich auf einer persönlichen Mission gegen den privaten Legalwaffenbesitz und das Konzept der Milizarmee stemmt, muss der Souverän entscheiden. Mir gibt das schon zu denken. Ja, es gibt böse Menschen mit Waffen in der Schweiz. Es gibt aber auch ganz, ganz viele gute Menschen mit Waffen in der Schweiz. Ich zähle mich dazu. Und ich wäge mich in einer erdrückenden Mehrheit, denn die Kriminal- und Unfallstatistik spricht eine überdeutliche Sprache, so wie jedes andere Indiz, das man ernsthaft zu prüfen gewillt ist. Solange das so ist, mögen die Rufe nach Verschärfungen doch bitte leiser werden, denn wir leben in einem Rechts- und keinem Gefühlsstaat.

Der nun durch die EU und auch durch einige Medien offenkundig bewusst befeuerte Vorurteilsaufbau gegenüber Freizeit- und Sportschütz/-innen in der Schweiz treibt uns in die Ecke, ja, legt unsere Nerven blank – auch dafür gibt es eine Geschichte, die vor vielen Jahren begann und sich nun am Ende in Unverständnis und Wut entlädt. Ich behaupte: Die wenigsten von uns besitzen Waffen aus Angst oder Vorurteilen. Sie besitzen Waffen, weil es legal ist, weil das Schiessen auf Papier, Stahl, Karton oder Tonscheiben unglaublich viel Spass macht und weil es etwas sehr Archaisches an sich hat. Etwas Archaisches nachdem wir uns vielleicht sehnen, wenn wir unsere Retina Displays ausschalten. Mindestens dafür zeigten die meisten im Club von gestern ein gewisses Verständis. Und das ist schon einmal ein Anfang.

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