In der aktuellen Ausgabe der «Basler Liberale Nachrichten» erschien ein Artikel von Gotthard Frick, den wir unseren Lesern mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers nicht vorenthalten möchten.

Kain ermordete Abel ohne Schusswaffe oder: Amok, Mord, Selbstmord und Verbrechen im schusswaffenlosen China.

Lange Zeit wurde die Schweiz von vier Säulen getragen: der direkten Demokratie, der Neutralität, der Wehrhaftigkeit und von deren Zwillingsschwester, der Friedfertigkeit. Weltweit wurde unser Land dafür hochgeachtet. Aber seit mehreren Jahren sind der Bundesrat, viele eidgenössischen Parlamentarier und Politiker daran, diese Säulen zu zerstören. Selbst der Zugriff auf Referendum und Initiative soll erschwert werden. Auch das Recht der unbescholtenen Bürger/-innen, Armee- und andere Schusswaffen zu besitzen und bei sich zuhause aufzubewahren, ist als Teil der Wehrhaftigkeit ins Visier des Bundesrates geraten und soll unter dem Vorwand, sich EU-Recht anzupassen, massiv eingeschränkt, dann abgeschafft werden. Es wird argumentiert, die Entwaffnung verunmögliche Amokläufe, Morde und Selbstmorde. Ein Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt, dass das nicht stimmt. Während tausenden von Jahren gab es keine Schusswaffen. Trotzdem wurden unendlich viele Menschen umgebracht, und schon im Altertum oft ganze Völker ausgelöscht.

China diene als Beispiel eines schusswaffenlosen Landes.

Es ist eines der Länder, in dem man sich so sicher fühlt, wie in der Schweiz. Aber weil die Chinesen auch nur Menschen sind wie wir und wegen der riesigen Bevölkerung, ist die Zahl der Fälle von Gewalt gegen Leib und Leben naturgemäss sehr hoch. Dabei dürfen die Menschen dort keine Schusswaffen besitzen, und laut Bekannten ausserhalb des Hauses nicht einmal ein Messer auf sich tragen. So verfügen neben Armee und Polizei nur die «Triaden», die grossen Verbrechersyndikate, über Schusswaffen. Die Gewalt richtet sich heute sehr oft gegen kleine Kinder. Ji Jianlin, Professor für klinische Psychologie an der Fudan Universität in Shanghai nennt die Beweggründe «Soziale Rache». Am 25. Juli 2013 schrieb die Global Times dazu: «Die Zahl der Fälle, in denen sich benachteiligte Menschen an der Gesellschaft rächen, hat zugenommen». Wie macht man einen Amoklauf ohne Schusswaffen? Sehr oft werden Messer, Beile, Äxte, Hammer benutzt, aber auch Autos, Sprengstoff, Benzin u.a. Einzelne Beispiele aus sehr vielen sollen zeigen, was gemeint ist: In Hangzhong wurden mit einem Metzgerbeil 7 sechsjährige Kinder, der Besitzer des Kindergartens und seine 80jährige Mutter totgeschlagen und weitere 11 schwer verletzt; ein Amokläufer brachte in einem öffentlichen Bus 10 Liter Benzin zur Explosion und verbrannte zusammen mit 47 Passagieren und 38 weitere erlitten schwerste Verbrennungen; ein Automobilist fuhr absichtlich in eine Gruppe eines Kindergartens und verletzte 20, davon einige tödlich. Auf der Webpage der Schweizer Botschaft in China vom 20. Februar 2017 wurden ebenfalls mehrere Fälle gemeldet. So sollen in der Stadt Liuzhou mehr als ein Dutzend Paketbomben explodiert sein und 7 Tote und mehr als 50 Verletzte gefordert haben und 2014 hätten mehrere Täter am Bahnhof von Kunming 34 Menschen mit Messern erstochen und 143 zum Teil schwer verletzt.

Wie bringt man sich ohne Schusswaffen um?

Die häufigste Methode in China ist der Sprung aus dem Fenster. Als vor Jahren APPLE seine 30’000 Arbeiter in den USA entliess, lagerte die Firma die Arbeit nach Südchina zu FOXCONN aus, mit rund 1 Million Arbeitskräften einer der weltweit grössten Produzenten für zahlreiche internationale Elektronik-Konzerne (u.a. Microsoft). Viele der jungen Wanderarbeiter/-innen empfinden ihr Leben angesichts der extremen Ausbeutung als unerträglich und wollen ihm durch Sprung aus dem Fenster ein Ende setzen. Deshalb wurden um die grossen neuen Schlafsilos, wo jeweils acht Arbeitskräfte in 4 doppelstöckigen Betten in winzigen Zimmern untergebracht werden, wie anderswo in China, auf der Höhe der Decke des Erdgeschosses, horizontal weit nach aussen reichende Netze angebracht, um die Selbstmörder aufzufangen. Aber noch vor dem Anbringen der Netze waren bereits 28 in den Tod gesprungen. Auch Kader der kommunistischen Partei Chinas wählen gelegentlich den Sprung aus dem Fenster. «Selbstmord» ist dann die offizielle Version. Am 18. Februar 2013 veröffentlichte die Global Times eine Liste mit Namen und weiteren Details von 24 sehr hohen Beamten, die ihr Leben zwischen Februar 2009 und Februar 2013 beendet hatten. 16 waren zum Fenster hinausgesprungen, 5 hatten sich erhängt, 1 hatte sich vor den Zug geworfen, 1 sich die Schlagader aufgeschlitzt und bei einem ist die Methode nicht bekannt. Das Blatt zweifelte an «Depressionen», dem offiziellem Grund, und forderte Aufklärung.

Eine neue Form der Gewalt nimmt zu: Gewaltausbrüche von Patienten und deren Familien gegen Ärzte, z.B. wegen extrem langer Wartezeiten. Viele Ärzte starben nach solchen Angriffen, wobei auch hier die bevorzugte Waffe das Messer, gelegentlich das Beil war. In keinem der in den Medien erwähnten vielen Fälle wurde eine Schusswaffe eingesetzt. Die in China weitverbreitete Kleinkriminalität ist selten mit Gewalt verbunden.

Fazit: Die menschliche Natur ist die Ursache der Anwendung von roher Gewalt, nicht die zur Verfügung stehenden Waffen.


Text von Gotthard Frick ist Economist & Business Administrator Dipl. Sciences Po & Sorbonne, Paris.
Grafik von Patrick Jauch unter Verwendung eines Bildes von Vectorstate.com

Quellen: Der Verfasser hat zwischen 2010 und 2014 während einiger zweiwöchiger Aufenthalte im Reich der Mitte konsequent die Berichte von China Daily und der Global Times über Angriffe auf Menschen und Selbstmorde erfasst. Dazu kamen mehrere Gespräche des Verfassers mit Bekannten, Sendungen der BBC; Berichte von Amnesty Int’l; von Wikipedia.org; oxfordjournal.org/ 53/27276 abstract; Frankfurter Allgemeine 30.03.2013; DIE WELT 31.03.2013

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung der «Basler Liberale Nachrichten»