Am 25. Juli, am Tag der Ergreifung des Franz Wrousis, der mit einer Kettensäge bewaffnet in eine Schaffhauser Filiale der CSS stürmte und mehrere Menschen teils schwer verletzte, titelte das amerikanische Online-Magazin «The Truth About Guns»: «It Should Have Been a Defensive Gun Use – Swiss Chainsaw Edition». Frei übersetzt: Ein Einsatz einer privat getragenen Schusswaffe zur Verteidigung gegen den Kettensäge-Angreifer wäre angebracht gewesen. Einige Gedanken zu dieser These.

Ohnmacht ist vielleicht das psychische Pendant zum physischen Schmerz. Wohl zwei der schlimmsten Erfahrungen, die Menschen erleben können. Nicht selten treten sie gemeinsam auf. Ohnmächtig zu sein heisst wortwörtlich ohne Macht zu sein, ausgeliefert. Ohnmächtig ist etwas anderes als hilflos zu sein. Hilflosigkeit bedeutet, das man etwas hätte tun können, einem aber keine Hilfe zuteil wurde. Ohnmacht heisst, nicht einmal auf Hilfe hoffen zu können.

Albtraum Ohnmacht

Ohnmacht ist oft der lebendigste Teil unserer schlimmsten Albträume: Wie ein in Sturz aus dem Bett, der niemals endet. Ohnmacht ist das Sujet so manchen Thrillers: Wenn der Mann mit der Maske in einem engen, düsteren Raum zusammen mit seinem Opfer die Kettensäge anwirft. Oder wenn sich ein Soziopath entscheidet, mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren. Ob 1974 in «The Texas Chain Saw Massacre» von Regisseur Tobe Hooper oder 2014 «Mr. Mercedes» vom Autoren Stephen King: Die Ohnmacht gegenüber einem abnormen Geist lässt uns als Leser oder Zuschauer fasziniert erschaudern.

Die Realität hat Mitarbeitende der CSS-Filiale in Schaffhausen am 24. Juli 2017 eingeholt. Franz Wrousis greift laut Medienberichten mit einer laufenden Kettensäge wahllos Menschen an. Der Grund dafür ist eigentlich egal. Ebenso, mit welcher tödlichen Waffe die Tat verübt wurde. Was nicht egal ist: Kein Mensch in der CSS hatte ein Mittel gegen den Angreifer. Gegen einen Kettensägemann hilft kein Schreien, keine Kampfsportart und kein Pfefferspray und für zu viele auch kein Wegrennen. Was bleibt, ist Ohnmacht. Man mag sich nicht vorstellen, mit welcher Wucht einen die Ohnmacht in einer solchen Situation trifft und wie lange es dauert, bis man sich von dieser Erfahrung psychisch erholt. Falls man es überhaupt je kann.

Diffuse Ängste?

Wenn es an diesem Vorfall etwas Gutes geben kann, dann die Tatsache, dass über die markant zunehmende Gewalt gegen Personal im öffentlichen Dienst gesprochen wird. Ob Mitarbeitende in Krankenhäusern, Gastronomiebetrieben, eben Versicherungspersonal, Taxifahrer, Lehrer, Stadionpersonal: Die Liste von Angestellten, die sich über hohe Gewaltbereitschaft ihrer Clientel beschweren, wird immer länger. Ob das nur «gefühlt» oder real ist, spielt dabei keine Rolle. Viele Schweizerinnen und Schweizer haben nicht Angst vor irgendeinem einem obskuren Schreckgespenst, wie einige Medien uns gerne glauben machen. Nein, viele haben schlicht Angst bei ihrer Arbeit oder auf dem Weg dahin oder zurück. Viele haben Angst vor ihren Mitmenschen.

Man wird das Gefühl nicht los, es habe heute überall Security. Bald in jedem Winkel wird gefilmt, Sicherheitspersonal allenthalben, Bahnpolizei, Eingangskontrollen, Handgepäckverbot, Amokalarmsysteme in öffentlichen Gebäuden, überall Leute mit einem Knopf im Ohr. Nur da, wo etwas passiert, ist scheinbar nie jemand, der den Menschen die Hilflosigkeit nimmt. Eine Versicherungsfiliale oder eine Diskothek mit bewaffnetem Personal bewachen? Nein. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, frei nach Morgenstern. Und bestimmt auch wegen der Kosten, wie immer.

Lauf weg! Versteck Dich! Ruf um Hilfe!

Die politischen Eliten der westlichen Welt tun alles dafür, den privaten Waffenbesitz abzuschaffen. Sie tun es, weil sie die Waffen in Bürgerbesitz als Bedrohung ihrer Staatsordnungskreation sehen, manche sogar für deren vorhersehbares Ende. Ein oft zitiertes amerikanisches Bonmot lautet «God Created Man, Sam Colt Made Them Equal» (Gott erschuf die Menschen, Samuel Colt machte sie gleich). Schauderhaft für jeden Waffengegner, aber wohl aus dem Herzen der meisten Waffenbesitzer gesprochen. Es gibt viele solcher Aperçus mit Absender ennet dem grossen Teich. Bekannt ist auch die Aussage des NRA-Vize-Präsidenten Wayne LaPierre: «The Only Thing That Stops A Bad Guy With A Gun, Is A Good Guy With A Gun» (das einzige, was einen schlechten Menschen mit einer Waffe stoppt, ist ein guter Mensch mit einer Waffe). Man kann diese Sprüche ohne weiteres belächeln und als Fantasien grantiger Frauen und Männer abtun.

Aber: Was ist Ihr letzter Gedanke, wenn Sie in Ihrem Büro einem Mann mit einer Kettensäge gegenüber stehen? Nehmen wir an, sie hätten noch nie einer Fliege etwas zuleide getan, immer Ihren Staatsbürgerpflichten Rechnung getragen, Ihre Familie geachtet und umsorgt, Ihre Freundschaften gepflegt und auf Ihre Gesundheit geachtet – mit nichts hätten Sie einen Angriff auf Leib und Leben verdient. Und nun stehen Sie in Ihrem Büro einem soziopathischen Mann mit einer Kettensäge gegenüber. Menschen, die Ihnen wirklich helfen könnten, sind Minuten entfernt, sofern sie jemand sofort verständigt. Was ist ihr letzter Gedanke?

Die Gewalt ist da. Sie lässt sich längst nicht mehr deckeln. Immer wieder werden wir mit Fragen um unser eigenes Ohnmachtsverhalten konfrontiert. Was tun wir, wenn Horden extremistischer Gewalttäter unsere Ladenfonten einschlagen, in unsere Wohnungen eindringen wie in Hamburg? Was tun wir, wenn wir belästigt und begrapscht werden, wenn wir beschimpft und geschlagen werden, was tun wir, wenn ein Irrer im Haus nebenan um sich schiesst. Was geschieht mit uns, wenn wir in einer Disko in den Lauf eines M16 blicken, uns mitten in einer Familienfehde wiederfinden, mit der wir nichts zu tun haben? Woran denken wir, wenn zwischen Leben und Tod ein böser Mensch steht? Wie reagieren wir, wenn staatliche Empfehlungen wie «Run, Hide, Tell!» (rennen, verstecken, alarmieren!) nicht mehr funktionieren, weil sich Mr. Mercedes und The Chainsaw Man einen Dreck darum scheren, welche cleveren Tipps der Staat gibt. Was tun wir, wenn Notwehr oder Notstand längstens rechtens wären, wir aber schlicht ohne Macht sind? Sicher ist, dass wir ohne Würde bleiben. Denn Ohnmacht und Würdelosigkeit sind Geschwister.

Ein Gewaltbipol entsteht

Es geht in diesem Beitrag nicht um die Frage, inwiefern die Bedürfnisklausel für das Waffentragen in der Schweiz nicht langsam aber sicher für breitere Teile der Bevölkerung wieder standardmässig als erfüllt gelten müsste. Es geht darum, dass die Entwaffnung der Bürgerinnen und Bürger das so genannte Gewaltmonopol nicht allein zurück zum Staat bringt, wie Schöngeister das gerne Argumentieren. Viel mehr entsteht ein Gewaltbipol. Dem bewaffneten Staat gegenüber stehen die Gesetzlosen, die sich weder um Pflichten noch um Rechte scheren. Und genau zwischen diesen beiden Polen verorten die Eliten die entwaffneten, gesetzestreuen Bürger – uns. Steuerzahlende Läufer, Bauern, Türmchen und Pferdchen zwischen den Fronten – auf einem Schachbrett gezeichnet von Mächtigen.

 

3 Kommentare

  • … Schade um diesen schwachen Artikel – wir sind nicht in der USA und wir brauchen keine geldgierige Waffenlobby wie die NRA in den Staaten. Was wir brauchen sind Menschen mit Selbstbewusstsein und einem kühlen Kopf! Ein Stuhl mit Stahlbeinen, eine Metallständerlampe wäre mir lieber als eine Pistole oder ein Stgw 90, wenn ein Verrückter mit einer Motorsäge kommt …. Grad ein Mann der völlig ausser sich ist, kann mit Schüssen nur gestoppt werden, wenn dazu eine „Mann-Stop-Munition“ verwendet wird – und selbst die ist für einzelne Einsatzkräfte der Polizei verboten! Was wir dringend brauchen, ist eine echte Dikussion bei der auch Fachleute zu Wort kommen, und selbstverständlich gehört die Waffe zum Schweizer nach Hause, wie es seit über 100 Jahren der Brauch ist. Ein selbstbewusster Waffenbesitzer (natürlich auch Waffenbesitzerin!) entscheidet selbst, ob der diese Waffe zum Schiesssport einsetzt, nur als Sammelobjekt betrachtet oder sie zur Selbstverteidigung für den äussersten Notfall zu Hause haben will.

    • Im Artikel steht nichts davon, dass wir uns eine NRA wünschen. Und mit dem Rest Ihres Kommentares sind wir mehrheitlich eins. Wir verstehen Ihre Kritik deshalb nicht.

    • … Schwach ist nicht der Artikel, sondern Ihre Argumentation. Ein Stuhl mit Stahlbeinen habe Sie nicht immer in der Nähe, eine Pistole aber schon, falls endlich die sinnlose Bedürfnisklausel abgeschafft wird. Von der Polizei nicht zu reden, die im besten Fall erst nach 10 Minuten eintrifft. Und dass ein Mann ausser sich nur mit „Mann-Stop-Munition“ gestoppt werden kann, möchte ich auch sehr bezweifeln. Erstens haben Warnschüsse eine sehr beruhigende Wirkung und zweitens können gezielte Schüsse in die Beine ihn daran hindern, seinen Angriff fortzusetzen. Und dass das Verbot der Mann-Stop-Munition in die selbe Kategorie der Bedürfnisklausel fällt, nämlich der sinnlosen Bestimmungen, welche nur die ehrlichen Bürger treffen, braucht man nicht näher zu diskutieren. Selbstverständlich können Sie mit Ihren Theorien auch versuchen, den schwerverletzten Krankenkassenmitarbeiter, die vergewaltigte Frau, die dann lebenslang arbeitsunfähig ist oder andere Gewaltopfer zu trösten. Vergessen Sie aber nicht, dass Sie und andere blauäugige unverbesserliche Optimisten zum Teil für die Schmerzen dieser armen Leute verantwortlich sind. Notwehr ist ein Menschenrecht und der Staat darf es nicht unter Vorspiegelung eines vermeintlichen besseren Schutzes (Polizei usw.) dem Bürger wegnehmen.

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