Die Argumente gegen die Übernahme des EU-Waffenrechts sind in unseren Augen eindeutig. Nur sind wir eine Minderheit in diesem Land und darauf angewiesen, dass sich andere mit uns verbünden, weil sie zwar nicht ihr Hobby in Gefahr sehen, aber sehr wohl unsere Souveränität. Um diese Menschen ins Boot zu holen ist es aber unabdingbar, dass wir nach allen Seiten die Vernunft darstellen und nicht kampfeslustige Extremisten. Ein Gastbeitrag von Marco Glavas

Zur Einleitung

Geschätzte Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ich bin sicher, dass es auch Ihnen aufgefallen ist: Die Medien, seien sie etabliert oder Emporkömlinge des Internets, haben die Art verändert, wie wir mit der Welt umgehen. Wir bekommen mehr Informationen, wir bekommen sie schneller, ja teilweise Minuten, nachdem sie entstanden und wir bekommen sie nicht mehr nur aus dem Einzugsgebiet unserer lokalen Zeitung, sondern aus aller Welt. Die Art wie wir uns informieren hat sich massiv verändert, nicht aber die menschliche Psyche und damit verbunden die Art, wie wir Informationen verarbeiten und uns eine Meinung bilden.

Ich mache mir redlich Sorgen um unsere demokratische Zukunft, denn das Fundament der Demokratie ist die Information. Das neue EU-Waffengesetz ist da nur ein Beispiel, aber eben eines, das mir persönlich nahe liegt. Ich möchte darum anhand der aktuellen Diskussion die Problematik beleuchten.

Das Problem

Wir haben uns in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts daran gewöhnt, dass der Kapitalismus unser Erlöser sei. Das ist nicht ganz falsch. Aus dem Kapitalismus entspringt der freie Markt, der dazu geführt hat, dass wir lieber mit unseren Nachbarn handeln. Es ist effizienter und macht uns wohlhabender, als ihnen die Schädel einzuschlagen und uns zu nehmen, was nach den Luftangriffen noch stehen mag.

Er hat aber leider auch dazu geführt, dass wir in allem und jedem einen monetären Nutzen sehen wollen. Konzerne schliessen gewinnbringende Abteilungen, weil sie nicht genug Gewinn bringen. Wir lassen unsere Kinder fremderziehen, weil ein Hausmann oder eine Hausfrau keinen Lohn erhält und damit in unseren Augen eine verschwendete Ressource ist. Und Zeitungen führen nicht mehr als höchstes Ziel den Leser umfassend aber effizient zu informieren, sondern es geht nur noch um die Augen auf dem Blatt, ganz egal, ob es nun werbebasierte Gratiszeitungen, Onlinepublukationen oder die gute, alte NZZ ist. Es geht um Views.

Ich habe die Brücke zum Internetzeitalter bereits geschlagen: Auch die sozialen Medien sind fixiert darauf, sogenannten «Buzz» zu erzeugen. Ob die Information, über welche die ganze Welt die nächste Woche spricht, effektiv faktisch wahr ist, verkommt zur Nebensache.

Wieso ist das schlimm? Wieso sehe ich das als wohl grösstes Problem unserer Generation, weit vor Klimawandel, Krieg und Drogen? Weil der Umstand es uns als einzelnem Bürger schier unmöglich macht, in der Flut von Information Wahrheit von Fiktion zu trennen. Ohne Fakten bilden wir unsere Meinung auf Bauchgefühlen und Lügen. Und wie schon der Placebo-Effekt veranschaulicht, sind unsere Instinkte, wenn auch oft nützlich, schlicht kein gutes Messinstrument die Realität einzuschätzen. Unsere Instinkte sind reaktionär, nicht besonnen.

Angst bringt Aufmerksamkeit, aber Angst ist auch reaktionär und irrational. Umso mehr ist es eine Schande, wenn Parteien sie zum Stimmenfang missbrauchen!

Konkrete Beispiele

Die politisch stark linke Seite hat im Moment eine enorme Dynamik und pflügt mit viel Schwung durch diverse Themen der sozialen Struktur: Die Gleichberechtigung der Frau, eine liberalere Haltung zur Sexualität, die Abkehr vom Recht des Stärkeren usw. Dies sind auch in meinen Augen wichtige Faktoren, die unsere Zivilisation aus dem Sumpf der Barbarei in ein Zeitalter der Erleuchtung erheben. Ich bin nur schlicht und ergreifend nicht der Ansicht, dass die angewandten Mittel zum Ziel führen werden.

«Das ist doch kein Problem, darüber kann man ja diskutieren.» werden viele sich jetzt denken, aber genau hier sehe ich die Gefahr, der wir uns gegenüber sehen: Niemand diskutiert mehr. Diskussion bedeutet die Position des Gegenübers anzuhören und zu sehen, ob man etwas Wervolles daraus gewinnen und im Gegenzug eventuell auch dem Gegenüber im eigenen Standpunkt etwas von Wert mitgeben kann. Das Ziel ist eine Annäherung. Das Ziel ist es den Punkt zu finden, an dem alle etwas gewinnen. Konsens.

Wo passiert das heute noch? Ich empfinde es so, dass die Menschen sich in Streitgespräche involvieren, Gruppen und damit Feindbilder schaffen und jeden denunzieren, der die eigene Meinung nicht zu 100% teilt. Der Begriff Social Justice Warriors hat sich für diesen Schlag Mensch im Internet etabliert. Weniger schmeichelhaft und auf den Feminismus bezogen entstand der Begriff Feminazi und es ist dieser Begriff, der so wunderbar veranschaulicht, dass es egal ist, ob der Extremist links oder rechts ist: Es ist der gleiche Schlag Mensch.
In der aktuellen EU-Waffenrecht-Diskussion haben sich zwei prominente Lager etabliert: Einerseits die Pazifisten («Jede Waffe ist eine zu viel!») und auf der Gegenseite die Waffennarren («From my cold, dead hands!»). Ich benutze hier mit Absicht reisserische, ja extreme Bezeichnungen.

Die Folgen

Ich behaupte: Wenn Sie, verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, aber auch Gäste in diesem Land, auf Vertreter dieser Debatte stossen, sei dies nun auf Facebook, Twitter oder in den alten Medien, so werden sie  zu 80 Prozent oder mehr ein Mitglied dieser beiden Lager erleben. Und ich behaupte weiter, dass diese Lager nur vielleicht 10% der Bevölkerung vertreten. Diese Lager scharen, ob freiwillig oder nicht, die totalitären Extremisten um sich: Seien es die Verschwörungstheoretiker, die «Eidgenossen», die «Feminazis und SJWs», die übrig gebliebenen Blumenkinder etc.

Werden verantwortungsbewusste Waffenbesitzer da noch gehört? Ist man sich überhaupt bewusst, dass diese existieren? Immerhin wird man ja sofort als Ladesverräter tituliert, wenn man den aktuellen Umgang mit Privatwaffen in Frage stellt. Ein «Eidgenosse» ist nämlich selten fern.

Und wo bleibt das Eingeständnis, dass sehr wohl viel zu viele Angehörige der Armee ihr Sturmgewehr mit samt Verschluss (und früher auch Munitionsration) einfach in die Garderobe gestellt haben? Wo bleibt der Wille beider Seiten sich pragmatisch mit den Dingen zu befassen, die man tatsächlich verbessern könnte?

Wir kommen nicht an einen Tisch, weil wir wie rivalisierende Banden in einem Ghetto dieser Welt den «Gegner» bereits auf Sicht vorverurteilt haben. Die Folge sind emotionale Schlagabtausche und oft zum Himmel schreiende Vergewaltigungen des Volkswillens, weil man jede Niederlage an der Urne irgendwie als Sieg hinbiegen muss. Weil ein Politiker sofort seine Glaubwürdigkeit und Wählerschaft aufs Spiel setzt, wenn er es wagt aufgrund neuer Erkenntnisse seine Meinung anzupassen.

Das politische Spektrum wird dabei aber mehr und mehr extremistisch. Die Mitte wird je länger je mehr irrelevant und im Kampf gegeneinander stellen sich SP und SVP immer mehr auf Grabenkämpfe ein. Schon lange haben sie die Tendenz aus Prinzip und zu 100% gegen eine Sache zu sein, nur weil ihr Gegner dafür ist. Keine weiteren Fakten sind nötig: Ist die SVP dafür, ist die SP dagegen. Und umgekehrt.

Auch ich bediene mich nun kurz der Polemik, um Ihnen klar zu machen, wie sehr mir diese Sache am Herzen liegt: Das ist der Krebs, der an unserer direkten Demokratie nagt.

Wege zur Lösung

Für mich ist es klar: Demokratie, und speziell die direkte, steht und fällt mit dem Respekt voreinander. Wir müssen uns stets bewusst sein, dass die Proleten und Wutbürger nur eine Minderheit sind. Wir müssen uns stets vor Augen führen, dass die allermeisten unserer politischen Gegner wie wir selbst das Ziel haben, unser Land zu verbessern.

Natürlich dürfen wir unsere politischen Gegner als fehlgeleitet betrachten. Aber um kurz bildlich zu werden: Wenn jemand ausschaut, als sei er vor Weg abgekommen, ist es da hilfreich schreiend und fuchtelnd auf ihn zuzustürmen oder wäre es nicht doch sinnvoller, mit einem Lächeln auf die Person zuzugehen? Zu fragen wo die Person hin möchte, bevor man sie einfach in eine Richtung schubst, die man selbst für korrekt erachtet?

Was wir meiner Meinung nach verinnerlichen müssen, ist die gegnerischen Schreihälse auszublenden und den vernünftigen Stimmen das Wort zu erteilen. Und wir müssen uns mit der Vehemenz, die wir bisher den gegnerischen Schreihälsen vorbehalten haben, den eigenen in den Weg stellen. Unsere politischen Gegner müssen spüren, dass unsere Schreihälse Opposition aus den eigenen Reihen erfahren. Sie müssen sehen, wer die Stimmen der Vernunft ihrer Gegner sind, damit sie uns im Gegenzug das Wort erteilen können.

Kurz: Wir müssen aufhören, den geifernden, Zähne fletschenden Minderheiten das Podium zu überlassen.

Appell

Kein anderes Tier auf diesem Planeten hat ein derart ausgeprägtes Gefühl für Kooperation und Empathie wie der Mensch. Die allermeisten von uns sind freiheitsliebende Menschen, jeder mit seinem eigenen Päckchen, das er tragen muss. Und doch: Bitten Sie um Unterstützung, so werden Ihnen die meisten Menschen zu Hilfe kommen. Selbst in einem Land wie der Schweiz, wo wir alles andere als überschwänglich extrovertiert sind.

In dubio pro reo: Im Zweifel für den Angeklagten. Versuchen wir doch dem Gegenüber zu unterstellen, dass er uns nicht übervorteilen will, dass er nicht einfach nur dumm oder ungebildet ist. Denn auch das ist eine Art Angst. Und die Angst ist es, geschürt von der sensationsgeil gelenkten Informationsflut der heutigen Zeit, welche die Bildung einer fundierten Meinung so schwer macht.

Deshalb im Namen unserer Demokratie, lassen wir uns nicht einschüchtern und für dumm verkaufen. Keiner von uns ist perfekt und wir alle möchten im Grunde nur eine sichere Zukunft in Freiheit. Das erreichen wir viel besser durch Kooperation als durch den Kampf untereinander. Die Kooperation der Vernunft unabhängig von politischer Meinung, um dem Extremismus Einhalt zu gebieten.

Nehmen wir es nicht länger hin in extrem links und extrem rechts schubladisiert zu werden. Denn, geschätzte Mitmenschen, es stirbt sich im Konzentrationslager nicht jämmerlicher als im Gulag.

 

 

Über den Autor

Marco Glavas ist von Beruf Informatiker, Vater von Zwillingen und hat definitiv viel zu viele Hobbies am Ende vom Budget übrig. Vom Handwerken rund ums Haus über das gelgentliche Bowling Spiel, bis zum Bogenschiessen und Schmieden findet sich auch eine Leidenschaft für Waffen aus Geschichte und Film. Sowohl er als auch seine Frau besitzen Feuerwaffen, aber auch Messer, Schwerter und Bögen. Da der Schiesssport nicht eben gratis ist, findet man ihn ein bis zwei Mal im Jahr auf dem Schiessstand. Er ist überzeugt davon, dass Extremismus selten bis niemals die korrekte Antwort auf ein Problem darstellen kann und begegnet diesem darum mit einem vehementen Appell zur Mässigung, Kooperation und Pragmatismus.