Ein Nein zur Übernahme der neuen EU-Waffenrichtlinie ist auch ein Nein zu politischen Eliten, die mit der Realität des islamischen Terrorismus nicht klarkommen. Ein Gastbeitrag von Lukas Joos.

Enthauptungen und Genitalverstümmelungen als Folge von Integrationsmangel und Perspektivenlosigkeit

Kurz nach halb zehn Uhr abends war am 13. November 2015 in Paris bereits die Hölle los. Beim Stade de France sowie in mehreren Restaurants und Bars hatten zwei islamische Terrorkommandos insgesamt vierzig Zivilisten getötet. Doch die Lage sollte sich noch verschlimmern, und zwar drastisch. Um 21h40 hielt vor der vollbesetzten Konzerthalle «Bataclan» ein schwarzer VW Polo. Drei Franzosen arabischer Herkunft stiegen aus. Sie behändigten sich ihrer illegal beschafften Ostblock-Sturmgewehre, schossen auf ein paar Passanten und betraten dann das Etablissement. Dort richteten sie ein Blutbad an, wie es das postmoderne Europa höchstens in Nazi-Filmen für möglich gehalten hätte. Innerhalb von etwa zwanzig Minuten schlachteten sie, «Allahu Akbar!» brüllend, neunzig Zivilisten ab. Einige Opfer enthaupteten sie und/oder weideten sie aus; andere erwürgten sie und/oder fügten ihnen Verletzungen im Genitalbereich zu.1 Als die Einsatzkräfte die Halle stürmten, hatten sie Mühe, nicht ständig auszurutschen. Der Boden war nicht nur blutgetränkt, sondern auch mit hunderten Patronenhülsen und leeren Kalaschnikow-Magazinen übersät.2

Sieben Tage später veröffentlichte Didier Burkhalter über diese Verbrechen einen Gastbeitrag in der «Schweizer Illustrierte». In seinem Text tat der damalige Schweizer Aussenminister kund, dass

«einer der Gründe für diese Verirrung [mit «Verirrung» meinte er die Massenmorde] nach meiner Überzeugung im Mangel an Perspektiven bei vielen jungen Menschen überall auf der Welt liegt. Deshalb braucht es mehr Integration durch Bildung und Arbeit und weniger Ghettos und Ausgrenzung. Dafür setzen sich in der Schweiz viele Menschen in Vereinen, in Unternehmen und Behörden ein. Auch in anderen Ländern ist mehr Hilfe nötig: Um Schulen zu unterstützen, um jungen Menschen mehr Chancen und Perspektiven für die Zukunft zu geben – und auch genügend zu essen, um zu verhindern, dass sich Verzweiflung breit macht [sic!].*

Es gibt keine Native Americans, die sich in der New Yorker Metro in die Luft sprengen, weil sie mit «Ghetto und Ausgrenzung» in ihren Reservaten nicht klarkommen. Es gibt keine Exiltibeter, die in westlichen Chinatowns Frauen und Kinder über den Haufen fahren, weil ihre Verwandten in Lhasa nicht von «Integration durch Bildung und Arbeit» profitieren können. Es gibt keine israelischen Studenten, die iranischstämmige Kommilitonen enthaupten, weil sich bei ihnen ob den Teheraner Genozidfantasien «Verzweiflung breitgemacht hat». Und es gibt auch keine «jungen Menschen» aus der Ukraine, die unter «za volju, za zemlju!»-Geschrei russische Gastrobetriebe zusammenschiessen, weil es ihnen an «Chancen und Perspektiven für die Zukunft» mangelt. Anders, als der glücklose EDA-Vorsteher suggerierte, sind am islamischen Terrorismus also völlig offensichtlich nicht schwierige Lebensumstände schuld, sondern islamische Terroristen: Bestien, die sich einer abgrundtief bösen Hassideologie verschreiben und die freie Willensentscheidung treffen, für nichts und wieder nichts unbewaffnete Zivilisten zu ermorden.

Ohne korrekte Diagnose des Problems keine brauchbare Lösung des Problems

Mit seinem Mickey-Mouse-Aufsätzchen hat Burkhalter sicher etwas vom Dümmsten geschrieben, was von hochrangigen Politikern über die November-Attentate veröffentlicht worden ist. Dies liegt vor allem an den tiersmondistischen Erklärungsmustern, mit denen er die Opfer des Terrors – nolens volens, natürlich – zu Mitschuldigen machte.3 Dass er in seinem Text das «I-Wort» konsequent umschiffte, die Täter mit keiner halben Silbe erwähnte und den Hundertdreissigfachmord zu einer «Verirrung» verniedlichte, kann man ihm hingegen nicht speziell anlasten. Islamische Terroranschläge als eine Art Naturkatastrophe zu beschreiben, ist in der europäischen classe politique ja Courant normal. Wer kennt sie nicht, die immergleichen, betroffenheitstrunkenen Leersätze, in denen unspezifische, von Geisterhand ausgeführte «Taten» oder «Angriffe» verurteilt werden?

Natürlich: Patentrezepte gegen den (islamischen) Terror gibt es keine. Besonders, wenn man so wichtige Errungenschaften der Aufklärung wie unveräusserliche Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit nicht fahrenlassen will, ist eine effektive Bekämpfung von Barbaren schwierig. Daran, dass jede brauchbare Lösung mit der korrekten Diagnose des Problems beginnt, ändert diese Tatsache aber nichts. Die Fähigkeit und den Willen, die Realität als solche auszuhalten, darf man nicht nur von jedem mündigen Mitmenschen erwarten, sondern auch von Regierungschefs. Massenmorde im Namen Allahs sind keine «Verirrungen», «Ereignisse» (O-Ton Jean-Claude Juncker*) oder «Alpträume voller Terror, Gewalt und Angst» (O-Ton Angela Merkel*), sondern Massenmorde im Namen Allahs. Solange man sich in Brüssel nicht eingestehen kann, dass der sicherheitspolitische Elefant im Raum «Vernachlässigte Probleme im Zusammenhang mit der Einwanderung aus islamischen Ländern» heisst, wird man auch nicht in der Lage sein, geeignete Schritte zur Eindämmung der Gefahr einzuleiten. Alles, was unter diesen Umständen bleibt, sind Placebo-Massnahmen wie zum Beispiel die Einschränkung des Legalwaffenbesitzes.

Die Schweiz ist nicht dafür verantwortlich, dass man in Brüssel nicht klarkommt

Bis jetzt kam in Europa – man kann es nicht oft genug wiederholen – bei genau null islamischen Terroranschlägen eine legal erworbene Schusswaffe zum Einsatz. Die neue EU-Waffenrichtlinie wurde nicht erlassen, weil die Täter zu leicht (oder überhaupt!) an Legalwaffen kommen. Sie wurde erlassen, weil die Eurokratie-Leitung um Juncker und Merkel an der Realität scheitert. Lehnen wir die Übernahme des sinnlosen Machwerks ab, vermeiden wir deshalb nicht nur unnötige Kosten und Freiheitsbeschränkungen: Wir erklären uns auch für unzuständig für die psychologischen Probleme von Politikern, die wir nicht einmal gewählt haben. Und was könnte richtiger sein als das?

 

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1 « Il y a eu des personnes décapitées, égorgées, éviscérées. Il y a eu des mimiques d’actes sexuels sur des femmes et des coups de couteau au niveau des appareils génitaux. Si je ne me trompe pas, les yeux de certaines personnes ont été arrachés. » Vgl. http://www.assemblee-nationale.fr/14/pdf/rap-enq/r3922-t2.pdf

2 « Nous avons commencé à mettre en place une noria d’évacuation, avec toutes les difficultés présentes : le sol était extrêmement glissant car il y avait du sang et des douilles partout, ainsi que des chargeurs de Kalachnikovs. » Vgl. http://www.assemblee-nationale.fr/14/pdf/rap-enq/r3922-t1.pdf

3 Schreibt Burkhalter, dass «in der Schweiz und in anderen Ländern mehr Hilfe nötig ist», bedeutet das ja im Umkehrschluss, dass bis jetzt nicht genügend geleistet wurde, vonseiten der Ersten Welt also Pflichten vernachlässigt wurden.

 

Über den Autor

Lukas Joos (Twitter @luk_joos), *1983, ist Philosoph, Historiker und Autor des No-Billag-Tagebuches. Politisch schlägt sein Herz für eine aufgeklärt-freiheitlich-pluralistische Schweiz sowie gegen deren Feinde.