Auch in der Diskussion über die neue EU-Waffenrichtlinie behaupten Sicherheitspolitiker aus dem linksgrünen Parteienspektrum, durch strengere Waffengesetze liessen sich Menschenleben schützen. Diese Behauptung trifft zu – allerdings in einer politisch belanglosen Art und Weise. Ein Gastbeitrag von Lukas Joos

Schusswaffen und Serpentinen

Gemäss Daten der Weltbank kam es in den USA im Jahr 2010 zu 4.8 vorsätzlichen Tötungen und 12.9 Selbstmorden pro 100‘000 Einwohner.1 In der Schweiz, wo die Waffendichte2 halb so gross ist und praktisch niemand eine Waffe tragen darf, geschahen Suizide ein wenig häufiger (14.1), vorsätzliche Tötungen hingegen deutlich seltener (0.7). In Russland – bei einem im Vergleich zur Schweiz fünfmal kleineren Privatarsenal und einem äusserst restriktiven Waffengesetz3 – waren beide Quoten deutlich höher. Die Suizidquote lag circa 80% (25.7) über der unseren, die Mordquote gar etwa 2‘750% (16). Diese Verhältnisse machen klar: Zwischen der Verfügbarkeit von Schusswaffen in einem Land und der Wahrscheinlichkeit für dessen Einwohner, durch menschliche Absicht zu sterben, lässt sich keine Korrelation feststellen.

Im Global status report on road safety 2015* wurde für die Schweiz eine Quote von 3.3 Strassenverkehrstoten pro 100‘000 Einwohner errechnet. Für Weissrussland (höchste Erhebung: 346m) betrug diese Quote 13.7, für Dänemark (höchste Erhebung: 171m) 3.5.* Zwischen der Anzahl Serpentinen pro Kilometer Strassennetz eines Landes und der Quote an Einwohnern, die auf diesem Netz zu Tode kommen, kann also ebenfalls keine Korrelation festgestellt werden.

Dass man diese Korrelationen nicht feststellen kann, bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht existieren. Ganz im Gegenteil: Serpentinen verschlimmern die Folgen von Fahrfehlern, Waffen erleichtern das Töten, und es gibt keinen Grund zur Annahme, diese Zusatzgefahren führten nicht zu Zusatzrisiken. Weisen Politiker aus dem linksgrünen Parteienspektrum darauf hin, es gebe einen Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und absichtlichen Tötungen4, haben sie ohne Zweifel Recht.

Jedes Opfer ist eines zu viel, aber nicht jedes ist der Rede wert

Nicht weniger Recht hätten sie allerdings auch mit dem Hinweis, dass es auf Serpentinenstrecken besonders schnell tödlich endet, wenn ein Verkehrsteilnehmer die Nerven verliert. Mit der Ermahnung, jeder aus einer Haarnadelkurve geschleuderte Motorradfahrer sei einer zu viel, lägen sie ebenfalls immer richtig. Und wenn sie über ein in die Tiefe gestürztes Auto behaupteten, mit einem Fahrverbot wäre es nie von der Strasse abgekommen, müsste ihnen erst einmal jemand das Gegenteil beweisen. Warum also schweigen sie hierzu, und warum fordern sie keine strengeren Serpentinenstrassen-Verkehrsregeln? Aus dem Grund, aus dem ihnen wenig dazu einfällt, dass sich zwei Drittel der Selbstmörder und neun Zehntel der Selbstmörderinnen nicht erschiessen.* Aus dem Grund, aus dem sie nirgends anprangern, dass Ausländer etwa einen Viertel der Bevölkerung stellen, aber regelmässig mehr als die Hälfte der eines Tötungsdeliktes Beschuldigten.* Aus dem Grund, aus dem sie übersehen, dass mit Abstand am meisten absichtliche Tötungen mit einer Stichwaffe begangen werden*: Aus dem Grund, dass es ihnen weniger um Menschenleben geht als um den privaten Waffenbesitz.

Brauchen wir eine EU-Serpentinenrichtlinie?

Wären für die Häufigkeit von Strassenverkehrstoten nicht geschätzte hundertachtundzwanzig Parameter ausschlaggebender als die Serpentinendichte, könnten dänische Strassen nicht tödlicher sein als unsere. Hätten für die Häufigkeit von absichtlichen Tötungen nicht mindestens ebenso viele Faktoren mehr Gewicht als die Verfügbarkeit einer Schusswaffe, schickten reiche Schweizer ihre Kinder in russische Internate. Für den Schutz von Menschenleben ist die neue EU-Waffenrichtlinie etwa so nützlich, dringlich und verhältnismässig wie eine EU-Serpentinenrichtlinie. Tritt man auf, als ob die Übernahme einer solchen Richtlinie über Leben und Tod entschiede, wirkt das befremdlich. Besonders, wenn es einen nicht allzu sehr kümmert, wie viele Betrunkene und Führerscheinlose über die Autobahn rasen.

 

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1 Für die vorsätzlichen Tötungen vgl. https://data.worldbank.org/indicator/VC.IHR.PSRC.P5?end=2014&locations=CH-RU-US&start=1993, für die Suizide vgl. https://data.worldbank.org/indicator/SH.STA.SUIC.P5?locations=CH-RU-US

2 Die Anzahl Schusswaffen in Privathaushalten pro Einwohner, vgl. http://www.smallarmssurvey.org/fileadmin/docs/H-Research_Notes/SAS-Research-Note-9.pdf

3 Die Vorschriften sind drastischer als die der neuen EU-Waffenrichtlinie. Für den Erwerb einer Feuerwaffe muss nicht nur ein Bedürfnisnachweis erbracht, sondern auch ein medizinisches Gutachten vorlegen werden, das Abklärungen durch einen Betäubungsmittelspezialisten, einen Psychiater, einen Internisten und einen Augenarzt umfasst. Weitere Vorbedingungen sind der erfolgreiche Abschluss eines Sicherheitskurses (theoretisches und praktisches Examen) sowie das Vorhandensein eines geeigneten Safes. Erwerbs- und „Aufbewahrungsbewilligungen“ (!) werden separat erteilt; Magazine mit mehr als 10 Schuss Fassungsvermögen sind generell verboten, nicht auf einer staatlichen Zulassungsliste stehende Waffenmodelle auch. Vgl. https://www.m24.ru/library/pasport-i-prava/27012016/188#11; http://iwoe.at/wp-content/uploads/2013/04/Waffengesetz_Russland.pdf

4 Ein aktuelles Beispiel ist der Auftritt von SP-Nationalrätin Chantal Galladé in der «Arena» vom 13. April («Entwaffnete Schweiz»). Galladé wiederholte das «Menschenleben»-Argument so oft, dass ihr der Moderator, Jonas Projer, Demagogie vorwarf.

 

Über den Autor

Lukas Joos, *1983, ist Philosoph, Historiker und Autor des No-Billag-Tagebuches. Politisch schlägt sein Herz für eine aufgeklärt-freiheitlich-pluralistische Schweiz sowie gegen deren Feinde.